Die vielleicht größte Lüge der Menschheit

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Sie lag im Sterben. Und wollte mich nochmals sehen.

Siam* war erst 42 Jahre jung, aber viel älter würde sie nicht werden. Krebs.

„Mit dir kann man wenigstens offen reden!“, waren ihre Worte zur Begrüßung. Wir hatten immer so ein kleines Ritual: Für die üblichen Floskeln gaben wir uns fünf Minuten, der Rest sollte in die Tiefe gehen.

„Du hast mich ja vorgewarnt und hattest leider Recht: Sie wollen mir alle Mut machen, aber darüber zu reden, dass es zu Ende geht, will niemand. Ich komme mir vor wie eingesperrt. In mich selber.“

Heute war Siam nicht wirklich gut drauf. Isoliert zu Hause, viel Besuch, so gut es eben geht und niemand will reden. Zum Glück musste sie nicht in einer Klinik sein. Was war los mit ihr? Ich konnte ihr kaum in ihre dunklen Augen schauen, sie waren randvoll mit Tränen.

Nein, die Uhr kann man nicht zurückdrehen. Bitter.

Und dann brach es aus ihr heraus. Jemand hatte sie gefragt, ob sie rückblickend etwas anders machen würde, wenn sie könnte. Oder ob sie etwas bereuen würde. Darüber hatte sie gegrübelt. Sie war eine gute Grüblern, oft hatten wir darüber Witze gemacht: Dass sie mehr aus Gehirn bestehen würde, als aus restlichem Körper. Und wer grübelt, findet auch etwas.

Das was Siam gefunden hatte, war bitter für sie. Gerade Siam, die nie von Fehlern sprach, sondern immer von (Lern)Erfahrungen, hatte erkannt, dass sie aus ihrer Sicht wohl doch Fehler gemacht hatte. Die sie nun ja nicht mehr korrigieren könne, ihre Zeit sei schliesslich abgelaufen.

Eine der größten Lügen der Menschheit

Siam holte aus: Sie wollte immer etwas aus ihrem Leben machen. Hatte Ziele, klare Visionen. Und dafür arbeitete sie hart. Sie wollte Karriere machen und gutes Geld verdienen. Eigentlich recht normal, wie ich dachte. Sie ahnte meinen Einwand und es platzte aus ihr heraus:

“Georg, VERDAMMT, indem ich immer sagte, keine Zeit zu haben, LOG ICH MICH SELBST AN! Keine Zeit ist eine verdammte LÜGE!!!“

Hätte sie nicht geweint dabei, hätte ich gelacht. Wir haben oft über das Thema Zeit diskutiert: Schon Einstein hatte bewiesen, dass Zeit eine Illusion ist. Irgendwann einigten wir uns darauf, eben doch von Zeit zu sprechen. Weil es ja alle tun. Und hatten dann doch sehr gegensätzliche Ansichten. Siam regte sich immer auf wenn ich sie schnippisch anfuhr, dass der Satz „ich habe keine Zeit!“ doch irgendwie eigenartig sei, wenn man davon ausginge, dass Zeit endlos vorhanden ist. Und wir alle gleichviel davon haben. Natürlich eine extreme Position, die ich da vertrat.

Siam blieb am Thema. Sie wollte nicht ihr ganzen Leben verurteilen, sie wollte auch nicht nach Fehlern suchen. Und doch bedauerte sie es unendlich, sich nie Zeit genommen zu haben. Für was eigentlich?

Die Einigung

Irgendwie wollte ich ihr Frieden ermöglichen, zeigte Verständnis für ihren klaren Weg. Und intervenierte, dass sie nicht der Mensch sei, der den ganzen Tag durchs Leben gammelt. Und genau darum ging es ihr dann auch:

“Nein, ich rede nicht von beiden Extremen: Gas geben oder gammeln. Ich rede von einem sowohl als auch! Ziele haben, weiter kommen und zugleich jedem Tag Zeit für sich abzutrotzen!“ Siam, kurz vor ihrem Tod

Und plötzlich erinnerte ich mich an Sofia. Sie war beruflich auch gut unterwegs und dennoch hatte sie immer Zeit für besondere Momente: Einen zwitschernden Vogel, eine duftende Blume, ein nettes Gespräch mit den Nachbarn, gutes gemeinsames Essen.

“Ja, das meinte ich. Integriere dein Leben in jeden Tag. Und zu leben heisst nicht zu funktionieren. Zu leben heisst, Leader zu sein. Nicht in der Firma, sondern Leader im eigenen Leben. Wir haben mehr Macht als wir glauben. Wir können gestalten. Manchmal im Rahmen, und darüber hinaus. Wir müssen es nur bewusst wollen!“

Und uns trauen.

Bewegt verabschiedeten wir uns. Wie oft hatte ich solche Gedanken schon gehört. Wie oft hatte ich das auch schon umgesetzt. Und wie oft habe ich das dann wieder vergessen und habe funktioniert. Dabei ist es doch wirklich nicht so schwer, jeden Tag etwas Schönes zu entdecken, etwas Erbauliches zu tun. Momente zu genießen.

Und zugleich ist es unendlich schwer. Zumindest manchmal, weil man sich wieder einfangen lässt in seine eigene Spirale, in seinen selbstgeschaffenen Käfig.

Das Versprechen

Wenige Tage später besuchte ich Siam erneut. Sie war sehr schwach mittlerweile. Und unseren Abschied werde ich nie Vergessen: Wir hielten uns im Arm. Sie streichelte mir über die Wange und sah mir irgendwie mitten ins Herz:

“Nicht wahr, Georg, du versprichst mir, immer daran zu denken, dass ‚keine Zeit‘ eine platte Lüge ist?!!“

Ich versprach es ihr.

Und sah sie nie wieder. Siam starb wenige Tage nach unserer letzten Begegnung.

WIE DENKST DU ÜBER DIESE LÜGE? BITTE SAG ES MIR IN DEN KOMMENTAREN.

*Sämtliche Namen, ausser meinem, sind zum Schutze der Betroffenen geändert.

Photo by Aron Visuals on Unsplash

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