Brief an meine unsichtbare Wand

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Wir saßen wieder einmal im Café. Sie erinnerte mich daran, was ich viele Jahre zuvor getan habe. Ich war damals längst dem Schreiben verfallen. Und merkte aber, dass etwas in mir ist, was mich davon abhält, rauszugehen. Sichtbar zu sein mit meinen Texten und Gedanken. Damals sagte mir sogar jemand: Du stehst neben mir, aber irgendwie spüre ich dich nicht.

Unsichtbar, ohne Namen, leise und zugleich unbeschreiblich wirkmächtig: Ich hatte eine unsichtbare Wand zwischen mir und dem Außen. Sie schottete mich ab, schützte mich. Machte ihren Job gnadenlos gut. Irgendwann, das wurde mir im Laufe der Zeit klar, hatte ich selbst diesen Schutz aufgebaut. Meine Wand war weder da, weil irgendetwas oder irgendwer mir schaden wollte, noch um mich zu ärgern.

Es hat Zeiten gegeben, da brauchte ich auch genau diesen Schutz.
Aber dann hatte ich einen Punkt erreicht, da wurde der benötigte Schutz zu hinderlichen Blockade. Und jetzt?

Ein Vorschlaghammer reißt nicht die Wand ein..

..sondern verletzt höchstens mich selbst. Das durfte ich lernen, denn natürlich kam irgendwann die Wut hoch und ich griff diese unsichtbare Wand frontal an. Wollte sie mit gezielten Schlägen ausschalten. Einreißen. Vernichten.

Bitten und Betteln hatte nicht geholfen. Die Wand blieb. Und so war eines Tages die Wut enorm groß und ich explodierte. Stell dir vor, du nimmst einen schweren Vorschlaghammer und prügelst damit auf eine Wand aus Stahlbeton ein. Vielleicht splittert hier und da etwas ab, aber die Wand bleibt unbeeindruckt stehen. Du kämpfst frustriert weiter und wirst müder und müder. Der Vorschlaghammer ist enorm schwer und du bist müde, was passiert? Die Gefahr, dass Du Dich selbst verletzt, wächst. Du rutscht ab, deine Handgelenke leiden…

Die Lösung liegt in der Ursache

Ich konnte nicht mehr und dachte erschöpft nach. Bis ich drauf kam: Wenn diese Wand tatsächlich nicht aufgrund von irgendwem oder irgendwas da ist, dann habe ich selbst etwas damit zu tun. Ich selbst, das erkannte ich bald, hatte diese Wand aufgebaut. Unbewusst. Sie sollte mich schützen und zugleich unsichtbarer machen, ich wollte nicht dauernd gesehen und für die Scheisse und den Groll anderer verantwortlich gemacht werden. Die Wand war perfekt. Was also, wenn ich diese Wand selbst aufgebaut habe und was weiter, wenn diese Wand also genau den Job gemacht hat, den ich sie selbst gebeten habe, zu machen?

Dann ist diese Wand womöglich weder böse, noch kam sie ohne Grund?

Die Wahrheit liegt in der Liebe

Kannst du mir noch folgen? Jetzt gehe ich eine Stufe weiter:
Die Wand ist da. Sie ist nicht böse und sie macht genau das, worum ich sie selbst gebeten habe. Dann wirkt diese Wand nicht nur in mir, sondern sie ist Teil von mir. Und ich bin Teil von ihr.
Wenn ich sie also mit dem Hammer, mit Wut oder noch übler zu bekämpfen suche, dann bekämpfe ich am Ende mich selbst. Und gegen Angriffe von Aussen – richtig, schützt mich die Wand. Und sollte sie mich durchlassen, verletze ich mich nur selbst.

Was also ist, wenn ich ihr, und damit mir selbst in Liebe begegne?

Der Brief an meine unsichtbare Wand

Ich schrieb meiner Wand also einen Brief. Auf Papier. Sehr persönlich und intim. Vielleicht ein Anreiz für dich, deiner Wand auch einen Brief zu schreiben? Auszugsweise gebe ich Dir meinen Brief hier wieder:

Liebe unsichtbare Wand,
Heute bin ich in friedlicher Absicht hier. Zu lange habe ich dich bekämpft, ohne je mit dir zu reden. Ich sehe jetzt, dass das respektlos war. Denn du bist weder hier, um mich zu ärgern, noch um mir zu schaden. Sondern um mich zu beschützen. Ich selbst habe dich vor langer Zeit gebeten, deinen Job zu machen. Das kann ich jetzt endlich sehen. Ich selbst war’s.
Ich begegne dir heute also in friedlicher Absicht. Ob ich es schon in Liebe tun kann, weiß ich ehrlich gesagt nicht, meine Wut ist noch ein bisschen da.

Der Grund, warum ich Schutz brauchte

Ich war immer schon anders als andere Menschen. Ich konnte immer schon hinter die Show gucken und habe vieles anders betrachtet. Und anders gemacht. Und dazu habe ich eine sehr starke Energie. Nur: Von all dem hatte ich keine Ahnung. Für mich war es normal, so zu sein, ich sah nie etwas besonderes darin. So sah ich natürlich auch nicht, wie herausfordernd das für andere sein kann. Prompt sah ich mich schweren Angriffen (Verteidigungen) ausgesetzt, die mich wieder und wieder tief verletzt haben. Ich übersetzte es für mich so: Ich bin falsch so wie ich bin. Ich bin ein Fehler.
Also brauchte ich Hilfe, wenn ich emotional überleben wollte. Ich brauchte Deine Hilfe, Wand!

Ich danke Dir

Unbewusst oder irgendwie rief ich Dich. Und du bist gekommen. Und hast, aus der Perspektive der Ursachen, einen grandiosen Job gemacht.
Du hast mich eingehüllt und umspürbar gemacht. Unsichtbar warst Du dabei. Man konnte mich sehen, aber kaum spüren. Ich konnte andere sehen und spüren. Das war mir möglich.

Andere haben mich erlebt, aber weder die große Energie, vor der sie Angst hatten, noch was ich tat. Wie jemand damals sagte, man sieht mich, spürt mich aber kaum. Schlimm wurde es, wenn Du, Wand, mal Pause hattest, oder ich durch dich durchgedrungen war: Dann spürten sie die große Energie und Klarheit und bekamen Angst. Und waren weg.

Wie auch immer, Wand, Du hast unglaublich phantastisch gewirkt. Du hast, um es in der modernen Sprache auszudrücken, einen schweinegeilen Job gemacht. Ja, du hast mich wahrlich und wirklich beschützt. Ich verbeuge mich dankbar vor dir. Sagenhaft, was du geschafft hast.
Und jetzt lass uns neue Wege gehen. Bitte:

Zeit für Dich, Wand, in Pension zu gehen

Liebe Wand, durch und mit und trotz Deinem Wirken, habe ich mich enorm weiter entwickelt. Du weißt das. Und ich brauche Deinen Schutz längst nicht mehr. Und so möchte ich Dich mit großem Dank in die Pension entlassen. In den wohlverdienten Feierabend. Pausen und Wochenenden kanntest du nicht, du hast 24/7 gewirkt. Und jetzt bitte ich dich, dein Werkzeug niederzulegen und zu gehen. Mache eine Weltreise, gehe zurück ins Universum, oder welchen Weg du magst. Oder löse dich auf und gehe in die Liebe.
Bitte wisse, dass ich keinen Groll hege, sondern Dankbarkeit empfinde. Jetzt sind andere und neue Zeiten und ich möchte mich ohne Deinen Schutz weiter entwickeln. So wie das Universum nunmal funktioniert: Entwicklung und Wachstum. Das akzeptieren wir bitte beide. Also, Wand, alles LIEBE dir. Packe deine Koffer und gehe.
JETZT!

Nachklang

Die Wand, so merkwürdig das klingen mag ging. Zwar nicht von einem Tag auf den anderen, aber sie ging. Danke! Hin und wieder kam sie auf Besuch. Und immer, wenn sie sich wieder einrichten wollte, brauchte es einen neuen Brief. Eine neue Aktion meinerseits.

Ich schreib damals meine Briefe auf Zettel, die ich dann laut verlas und fühlte (!!), und sie dann dem Feuer übergab. Zur Transformation.

Heute mache ich es eher im Journaling.
Entscheidend ist, dass Du wachsam bleibst. Und reagierst.

Wie geht es Dir? Hast Du auch eine solche oder ähnliche Wand?


ÜBRIGENS:

JOURNALING kann Dich phantastisch beim Umgang mit Deiner Wand unterstützen. Wenn Du es lernen willst:

77Fragen – für Dein Journaling

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